Recht und Digitalisierung

Die Digitalisierung immer weiterer Lebensbereiche macht vor dem Recht nicht halt. Nicht nur muss das geltende Recht auf diese Entwicklungen reagieren, sie gleichzeitig widerspiegeln und regulieren; Rechtspraxis und -wissenschaft selbst werden immer digitaler. Informationen und Geschäftsprozesse wandern von analogen in elektronische Formate. Algorithmen übernehmen rechtlich relevante Entscheidungen, die bisher von Menschen getroffen wurden. Vor diesem Hintergrund müssen sich auch juristische Analysemethoden, Forschungspraktiken und Wissensbestände ändern. Weiterlesen

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Das Recht neu verorten

Vielfältiger und unübersichtlicher wird das Recht. Längst ist das kompetitive, aber auch komplementäre Neben- und Miteinander verschiedener Rechtssysteme und normativer Ordnungen Teil des sozialen Alltags geworden. Rechtspluralismus ist, wie der in Harvard lehrende Völkerrechtler David Kennedy schreibt, „eine alltägliche Angelegenheit, Risiko und Möglichkeit zugleich“. Und das nicht nur für Wirtschaftsanwälte, Investmentbanker, Angehörige humanitärer Organisationen und Militärs, die in den Untiefen einer zunehmend disaggregierten und fragmentierten Weltrechtsordnung nach Orientierung suchen. Wo immer Recht soziale Phänomene (re-)konstruiert und von diesen seinerseits beeinflusst wird, ist mit der australischen Rechtswissenschaftlerin Fleur Johns daran zu erinnern, dass wir „jedes Mal, wenn wir Recht generieren, um die Welt zu erfassen, auch Welt generieren, die dem Recht entspricht“. Die Grenzen des Rechts und seiner Wissenschaft entgleiten hergebrachten Ordnungsmustern, und auch intradisziplinäre Differenzierungen wie etwa die Dichotomie von Öffentlichem und Privatem bedürfen kritischer Reflexion.

Die Frage nach dem Eigensinn des Rechts in einer pluralen Rechtswirklichkeit ist, aus der Binnenperspektive rechtswissenschaftlicher Forschung und Lehre, eine jener „Zukunftsaufgaben der Wissenschaft, die sich nur mit Kontextualisierung lösen lassen und damit auf die Grundlagenfächer verweisen“ (Dieter Grimm). Notwendig ist neben einer verstärkten Orientierung an der Rechtswirklichkeit das Gespräch mit den anderen am Recht interessierten Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.

Der Forschungsverbund „Recht im Kontext“ hat es sich seit Anfang 2010 zur Aufgabe gemacht, das Recht neu im Kontext seiner Nachbardisziplinen zu verorten und es, aus einer genuin juristischen Perspektive, mit den übrigen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ins Gespräch zu bringen. Dabei ist es mit deren jeweiligem disziplinärem Rechtsverständnis zu konfrontieren. Getragen wird der Verbund von einer Forschergruppe, deren Mitglieder ein gemeinsames Interesse an juristischem Kontextwissen verbindet, in dem sie allesamt ausgewiesen sind. Recht im Kontext eröffnet Gesprächs- und Arbeitsräume für ganz verschiedene Zugänge zu Fragen des Rechts: von der rechtswissenschaftlichen Genderforschung über den Rechtsvergleich in verschiedenen Rechtsgebieten, über Rechtshistorische Forschung, Law & Literature und kritische Annäherungen an das internationale Recht bis hin zu den Verwaltungswissenschaften, zur Transitional Justice, zum Recht der Entwicklungszusammenarbeit und zu klassischen Fragen der Rechtsphilosophie. Von zentraler Bedeutung ist die Entwicklung neuer Gesprächs- und Arbeitsformen interdisziplinärer Rechtsforschung.

Als lebendige soziale Infrastruktur disziplinverbindender Rechtsforschung soll der Forschungsverbund „Recht im Kontext“ neue Impulse in die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften tragen, die langfristig auch in die juristische Ausbildung und Praxis hineinwirken und so das Recht als Gegenstand und Wissenschaft bereichern.