Veranstaltung

Nichttriviale Verantwortung in Organisationen

Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

19:00-21:00
Berliner Seminar Recht im Kontext
Wissenschaftskolleg zu Berlin, Villa Jaffé
Wallotstraße 10, 14193 Berlin

Fragen der Zurechnung von Verantwortung waren in Organisationen noch nie von trivialer Art. Verantwortungsbereiche müssen sachlich umgrenzt, zeitlich bestimmt und adressiert werden: Wer ist wem wofür wie lange verantwortlich? Regeln der Professionalität, der Kollegialität, der üblichen Dauer und der hierarchischen Über- und Unterordnung konstituieren jedoch seit Jahrhunderten einen hinreichenden Konsens darüber, wie diese Regeln zu handhaben sind. Interessanterweise werden in diesem Zusammenhang interne Zustände der Organisation (Hierarchie, Arbeitsabläufe, Organisationskultur) mit externen Zuständen innerhalb der Gesellschaft (Professionen, Akzeptanz von Herrschaft, Moral) laufend abgeglichen, ohne dass hier Eins-zu-Eins-Übersetzungen möglich wären. Dieser jahrhundertelang eingespielte, nicht konfliktfreie Konsens ist in der Netzwerkorganisation der Netzwerkgesellschaft gefährdet. Arbeit wird nicht mehr nur vertikal innerhalb, sondern auch horizontal und lateral zwischen Organisationen koordiniert. Anforderungen und Möglichkeiten der technischen Vernetzung, der Positionierung auf Arbeitsmärkten und der Governancestruktur innerhalb und zwischen Organisationen verwischen Fragen der Verantwortung, während zugleich ein neuer Bedarf an Erwerb und Darstellung von Reputation entsteht. Hochgradige Einbettung und Überwachung in elektronische Medien (Märkte, Datenbanken, Audits) steht neben einer weitgehenden Personalisierung der Zurechnung von Kompetenz und Verantwortung innerhalb und zwischen Organisationen. Wir haben es mit einer neuen Nichttrivialität der Verantwortung zu tun: Manager und Mitarbeiter müssen in der Lage sein, für ihre Verantwortung Verantwortung zu übernehmen, obwohl jeder weiß, dass ihre Verantwortung "im System" begrenzt ist.

Dirk Baecker ist Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke und Dekan der Fakultät für Kulturreflexion. Nach dem Studium der Soziologie und Nationalökonomie in Köln und Paris folgten seine Promotion und Habilitation im Fach Soziologie an der Universität Bielefeld. Neben vorangegangenen Rufen auf Lehrstühle an der Universität Witten/Herdecke und der Zeppelin Universität in Friedrichshafen begründete Baecker im Jahr 2000 mit Fritz B. Simon und Rudi Wimmer das Management Zentrum Witten mit. Seine Arbeitsgebiete umfassen soziologische Theorie, Kulturtheorie, Wirtschaftssoziologie, Organisationsforschung und Managementlehre. Jüngere Veröffentlichungen Baeckers sind Beobachter unter sich: Eine Kulturtheorie (Suhrkamp 2013), Neurosoziologie: Ein Versuch (edition unseld 2014) und Kulturkalkül (Merve 2014).